Ein Jahr war nicht genug - Rückblick auf mein FSJ

Irgendwie war Englisch nie so wirklich mein Lieblingsfach, eher ein Fach zum durchquälen. Als ich dann mein 11. Schuljahr in Taiwan als Austauschschüler verbracht habe, hat sich diese Einstellung ein wenig geändert. Mir wurde klar, dass andere Sprachen (neben Mandarin eben auch Englisch) die Tore zu anderen Kulturen und vor allem völlig neuen Menschen öffnen. Die Wahl zwischen Bundeswehr, Zivildienst und FSJ im Ausland fiel deshalb nicht schwer. Warum sollte ich da aber nicht auch noch etwas völlig Neues erleben; praktisch unbekanntes Terrain betreten?

Manchmal muss man eben auch ein bisschen verrückt sein um sich ein Jahr lang in einer Community mit insgesamt knapp 60 Leuten bei utopischen Arbeitsverhältnissen und einem Hungerlohn zu verpflichten. Soviel vorweg, ich habe es bis heute nicht bereut!

Die Organisation „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ hat mir glücklicherweise im Sommer 2009 die Möglichkeit gegeben, mich bei verschiedenen Camphill Communities in Großbritannien zu bewerben. Nach mehreren Zusagen habe ich mich letzten Endes für die Camphill Community Beannachar im Nordosten Schottlands in Aberdeen entschieden. Gründe für mich waren die relativ junge Altersklasse der zu Betreuenden (18-28 Jahre) und die Freundlichkeit der Leute, mit denen ich mich bis dahin in Verbindung gesetzt hatte, aber auch die enge Anbindung zur Stadt war ein Faktor.

Nach einem sehr, sehr guten Vorbereitungsseminar zog es mich also Ende Juli 2009 nach Aberdeen. Die erste Überraschung kam auch direkt am ersten Tag – und ich meine nicht die rasante Fahrt vom Flughafen zum Camphill im Linksverkehr. Da gibt’s nicht nur viele Deutsche, nein. Die paar Briten dort verstehen auch noch Deutsch. Wie es sich aber gehört, hat man sich schnell verständigt, dass man sich doch auch bitte weiterhin auf Englisch verständigen möge. Also kein Problem!

Ich könnte nun genau erzählen, was ich an einem bestimmten Wochentag zu einer bestimmten Uhrzeit vor zig Monaten gemacht habe – dank der täglichen und wöchentlichen Routine. An sechs Tagen der Woche steht man einfach stets zur gleichen Zeit auf, weckt seine Schützlinge, bereitet das Frühstück vor, frühstückt, arbeitet,…  Man muss nicht unbedingt Autist sein um festzustellen, dass eine feste Routine viel Ruhe in den Alltag bringt. Meiner Meinung nach entsteht trotz immer wiederkehrenden Schemen keine Monotonie, die kleinen Änderungen und Unterschiede machen doch irgendwie jeden Tag einzigartig. Allerdings ist hierfür, denke ich, eine gewisse Offenheit und Anpassungsgabe von Nöten. Bringt man diese Voraussetzungen mit, kann man echt viel lernen und trotz der 15-Stunden-Tage viel genießen.

Meine große Liebe ist wohl die Musik. Zum Glück konnte ich dieser in Beannachar nachgehen. So konnte ich nicht nur dem Chor beitreten, sondern auch sonntags mit meiner Posaune den einen oder anderen Choral anstimmen. Auch für ein bisschen Jazz war immer mal ein Pianist bereit. Ob Rudolf Steiner das so akzeptiert hätte… Womit wir auch gleich beim anthroposophischen Weltbild der Camphill Communities wären. Hätten Sie gewusst, dass die Kartoffel die Quell‘ des Bösen ist und Pfeffer als Aphrodisiakum verboten sein sollte? Gut, dass diese Essgewohnheiten oder wohl eher Bestimmungen nicht allzu streng umgesetzt werden mussten. So konnte ich wenigstens kochen, was ich wollte – 2 Mal die Woche für 18 Leute. Manch einer will einem dann noch erzählen, dass man völlig ohne Nahrung leben kann. Es gäbe ja Studien an diesen „Nichtsessern“, die sich nur von der Energie der Sonne ernähren – sollen die doch Sonnenbaden gehen …!

Also mal ganz im Ernst, ich habe stets Leute mit… Nunja, interessanten Ansichten gefunden, mit denen man fleißig diskutieren und debattieren konnte. Da waren Homöopathische Allheilmittel doch schon Themen der Tagesordnung. Macht ja auch Sinn, dass verdünnte Wirkstoffe sogar noch stärkere Wirkungen haben – was wohl in unserem Leitungswasser schon alles enthalten ist… Bevor ich nun hypokritisch und subjektiv einzelne Argumente zu diesem Thema von mir gebe, empfehle ich doch lieber den Bestseller des Jahres 2008 „Bad Science“. Jeder, der einmal wissenschaftlich fundiert und mit Studien bestätigt über die größten Irrtümer der modernen Medizin lesen möchte, dem kann ich das Buch nur empfehlen. Wohlmöglich wird dann der Placebo-Effekt der Arnika-Zuckertabletten nicht mehr anschlagen, aber das muss der Leser wohl in Kauf nehmen.

Lesen hat mir sehr geholfen, vom Alltag einfach mal wieder abzuschalten. Auch wenn die Zeit knapp bemessen ist – ich habe sie mir genommen um knapp 30 Bücher in einem Jahr zu lesen.

In Beannachar wird grundsätzlich jedem Co-worker ein Student zugewiesen. Da bei mir im Haus zwei relativ fähige Jungs mit Lernschwächen und kleineren Defiziten lebten, übernahm ich die Verantwortung für beide. Im Gegensatz zu anderen Co-workern der Community musste ich mich also eher weniger um die körperliche Pflege als um das emotionelle und psychische Wohlergehen der beiden kümmern. So konnte ich an diversen Wochenenden zum Beispiel zu Fußballspielen gehen, aber auch der Besuch des Pubs um die Ecke war keine Seltenheit. Auf der anderen Seite übernahm ich so auch eher die Rolle als Freund, der oft und gerne mit Rat und Tat zur Seite stand und aus dieser Perspektive Werte vermittelte. Die monatlichen Berichte waren dementsprechend weitaus länger. In vielen Meetings wurden zukünftige Stellen für die beiden diskutiert, am Wochenende wurden Arbeitsstellen gesucht. Die Basis dieser Beziehung zu meine Students war daher von Grund auf verschieden als jene von anderen Co-workern zu ihren Students.

Im Nachbereitungsseminar dann trafen sich alle Freiwillige des Vorbereitungsseminars wieder. Hier bestand die Möglichkeit sich über die ganz individuellen Erfahrungen des Jahres auszutauschen. Auch hier ist mir aufgefallen, dass ich mein Jahr mit keinem der anderen 20 Jungs tauschen wollte. Die Organisation der Einrichtung verlief ohne Probleme und auch nach einem 14 Stunden-Tag sah man das Ende. Ein freier Tag pro Woche schien im Vergleich zu manch einer Einrichtung mit sieben Arbeitstagen auch irgendwie luxuriös.

Als dann gegen Ende des Jahres noch die Möglichkeit bestand, meine beiden Students im Rahmen des Ferienprogramms für eine Woche nach Ungarn zu begleiten, wurde auch irgendwie ein passendes Ende zu einem schönen Jahr gefunden.

Nach dem Ende meiner Dienstzeit habe ich mich mit einem anderen Co-worker mir Rucksack auf eine dreiwöchige Tour durch Schottland auf den Weg gemacht. Und was gibt es bitte Besseres, als die fabelhafte Natur des Whiskylandes zu erkunden?

Ein schönes Jahr – nur zu empfehlen.



Bilder und Videos


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